12seemeilen.de lässt den Knoten platzen! Alles zum Thema „Tauwerk“


Um es vorweg zu nehmen, ein universelles Seil für alle Anforderungen an Bord gibt es nicht! Die Anforderungen an das laufende Gut sind individuell und äußerst vielseitig.

Unter dem Begriff „Laufendes Gut“ versteht man auf Booten und Yachten alle Leinen die zum Bewegen der Segel, des Baums oder der Spieren notwendig sind. Nicht immer muss es ausschließlich Tauwerk sein, sondern es können auch Vorläufer aus Edelstahldraht oder Kette mit angesetzt werden.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten besteht modernes Tauwerk nicht mehr aus Naturfasern wie Hanf oder Sisal, sondern auf modernen Yachten ausschließlich aus technisch hergestellten Kunststofffasern wie Polyester (PES), Polyamid (PA), Polypropylen (PP) oder Polyethylen (HMPE). Der in der Sportschifffahrt weit verbreitete Begriff Dyneema ist dabei nur ein Markenname eines Niederländischen Chemiekonzerns. Selbst auf klassischen Schiffen findet sich Tauwerk, das zwar optisch aussieht wie ein Naturfasertauwerk aber aus modernen Kunstfasern besteht. Diese Fasern sind deutlich belastbarer, langlebiger und dabei leichter als Naturfasern.

Hier ein Überblick zu den gebräuchlichsten Kunstfasermaterialien:

Polyethylen (Dyneema)

  • extrem reißfest, hohe Beständigkeit gegen Feuchtigkeit und Chemikalien, sehr leicht, schwimmfähig und flexibel, gut spleißbar
  • Reines Dyneema ist äußerst glatt und hält auf keiner Klampe, oder Klemme. Es wird deshalb in den meisten Fällen als Tauwerkkern mit einem Mantelgeflecht aus anderem Kunstfasermaterial zusammen verarbeitet
  • hoher Bruchlastverlust von 50-75% durch Knoten. Daher Dyneema immer spleißen
  • dauerhafte Längendehnung unter hoher Belastung (Kriechen)

Polyester

  • gut UV-beständig, gut abriebsfest, dehnfähig
  • Mantelgeflecht von unterschiedlichem Tauwerk besteht meist aus Polyester
  • Allround-Tauwerk und am meisten auf Yachten und Booten zu finden

Polyamid

  • sehr dehnfähig, hohe Bruchlast und Schnittfestigkeit, gut UV-beständig
  • nimmt Feuchtigkeit auf, daher Festigkeitsabfall bei Wasseraufnahme (nicht geeignet für Festmacher)
  • schwer entflammbar

Polypropylen

  • schwimmfähig durch sehr geringes Gewicht
  • keine gute UV-Beständigkeit, nur geringe Scheuerfestigkeit
  • preisgünstig

Jetzt wird deutlich, warum beispielsweise eine schwimmfähige Leine an einem Rettungsring nicht der gleiche Tampen sein kann wie ein Fall für ein Großsegel. Individueller Einsatz = individuelles Material!

Auch die Herstellungsart von Tauwerk spielt dabei eine große Rolle, man unterscheidet:

Geschlagenes Tauwerk (3-oder 4-schäftig) besteht aus drei (oder eben vier) Litzen, in der Bootssprache „Kardeele“ genannt, die in Form eines Wendels um die Mittelachse geschlagen sind. Klassisch, einfach und haltbar und sehr gut und einfach zu spleißen. Kein „Hightech-Produkt“ aber einfach und gut in der Anwendung. Für klassische Yachten, für Festmacher, Fenderleinen, Ankerleinen und vieles mehr einsetzbar.

Geflochtenes Tauwerk gibt es in sehr vielen verschiedenen Herstellungsarten wobei jede Konstruktion das Ziel hat, besondere Eigenschaften für den jeweiligen Einsatzzweck zu bieten. Beispielsweise ist ein 8-fach Quadratgeflecht für eine Ankerleine oder einen Festmacher perfekt geeignet, weil die Konstruktion gut Lasten dämpft, gut zu spleißen ist und die Leine nicht kinkt (zum Verdrehen neigt). Fallen oder Leinen mit Kern-Mantel-Geflecht sind 8-/12-/24 oder auch 36-fach geflochten. Ziel ist dabei, das Seil robust und widerstandsfähig zu machen, bzw. die Arbeitsdehnung so gering als möglich zu halten. Spezielle Behandlungen, wie Strecken, Beschichten oder Thermofixieren des Tauwerks machen die besonderen Eigenschaften des jeweiligen Tauwerks in der Produktion erst möglich.

Dass Tauwerk auf dem Markt für Yacht- und Bootssport außerdem in vielen verschiedenen Tauwerkfarben, teilweise sogar in Farbmischungen erhältlich ist, ist keineswegs nur eine Frage von persönlichem Gefallen. An Bord werden so viele Leinen, Fallen und Tampen verwendet, dass farbliche Unterscheidung zur Orientierung und zur schnellen Bedienung des Bootes durchaus beiträgt. Welche Farbe für welchen Einsatz, bleibt dann aber dem Farbgeschmack des Skippers überlassen.

Wichtiger ist die Frage der Bruchlast in Verbindung mit dem Tauwerkdurchmesser! Ob das ausgewählte Tau das „richtige“ ist, hängt auch von der zu erwartenden Belastung ab. Dazu sollte man die maximal auf ein Tau wirkende Arbeitslast berücksichtigen. Sie muss natürlich mindestens erreicht werden um das Tauwerk einsetzen zu können, zusätzlich muss eine Sicherheit von ca 20% mehr Arbeitslast eingeplant werden. Eine deutlich höhere Arbeitslast ist aber durchaus auch von Nachteil. Das Tauwerk wird dann deutlich dicker, schwerer unhandlicher und teurer. Die Hersteller von Tauwerk geben stets die Bruchlast einer Leine an. Die Arbeitslast ist dabei ca. 20% bis 30% der Bruchlast. Ein Tampen mit einer Bruchlast von zum Beispiel 2000daN (1daN entspricht etwa 1kg Zug auf das Seil) hat dann eine Arbeitslast von 400 bis 600daN. Klar ist, dass mit steigendem Durchmesser eines Tau natürlich auch dessen Bruchlast und damit dessen Arbeitslast steigt. Jeder Knoten dagegen beeinflusst die Bruchlast negativ und setzt sie herab - und das oft um mehr als die Hälfte. Jetzt wird deutlich, warum ein Spleiß einem Knoten immer vorzuziehen ist!

Was bedeutet Spleißen?

Zum einen bezeichnet der Begriff die Verbindung von zwei Tampen durch Verflechten der einzelnen Kardeele. Zum zweiten meint man mit Spleißen auch das Einflechten eines Auges in einen Tampen oder ein Tau. Besonders gut spleißen lässt sich geschlagenes Tauwerk. Es ist mit ein bisschen Übung ohne spezielles Werkzeug möglich. Bei geflochtenem Tauwerk sind Spleißnadeln und deutlich mehr Fingerfertigkeit nötig. Sehr praktisch sind Spleißtaschen, darin befinden sich alle Utensilien zum Spleißen aller gängigen Yachtteuwerk-Konstruktionen. Neben der deutlich höheren Bruchlast gegenüber einem Knoten besteht auch der Vorteil, dass ein gespleißtes Tau nicht an einem Vorsprung oder einem Hindernis hängen bleiben kann.

Eine Frage, die sich viele Skipper im Zusammenhang mit Tauwerk oft stellen, ist die der Haltbarkeit und Pflege. Alterungen im Tauwerk kann man gut selber an ausfaserndem Material erkennen. Es wird verursacht durch ständige Belastung, insbesondere durch scheuern, zum Beispiel in Stoppern, Winschen, oder in Klemmen. Wenn das Tauwerk über eine Kante schamfielt (scheuert), weil z.B. eine Umlenkung nicht genau ausgerichtet ist, sollte auch die Tauwerk-Führung verändert werden. Die Hauptbelastungspunkte von Tauwerk in Klemmen können von Zeit zu Zeit ganz einfach verlegt werden, indem es am Ende gekürzt wird. Daher immer ein oder zwei Meter Reserve in der Tauwerklänge einplanen.

Tauwerk sollte so gut es geht vor UV-Licht geschützt werden. Modernes Material ist zwar weitgehend für den Einsatz unter UV-Belastung ausgelegt, Fakt ist aber, dass Tauwerk schneller altert, je mehr es dem UV-Licht ausgesetzt ist. Hier sollte man besonders günstige Leinen und Schoten meiden. In billigem Material sind meist Fasern verarbeitet, die keine große Haltbarkeit aufweisen und schnell hart werden oder sich ganz auflösen. Ein Material dass dafür besonders anfällig ist, wäre Polypropylen.

Einen guten Schutz für Leinen vor Durchscheuern und UV-Licht bieten Tauwerkschoner oder Tauwerkschutzschlauch. Sie sind für verschiedene Leinen-Durchmesser erhältlich und werden über das Tauwerk gezogen.

Besonders bei Einsatz von Leinen, Fallen oder Schoten im Salzwasser werden diese manchmal so hart, dass man sie fast hinstellen könnte. Sie laufen nicht mehr richtig durch Blöcke oder halten nicht in Klemmen. Grund dafür sind Schmutz und Salzkristalle die sich in das Gewebe gesetzt haben. Deshalb sollte man – idealerweise kurz vor dem Winterlager – (bessere Trocknung!) die Leinen einer Waschung unterziehen. Das Tauwerk in einem Eimer Süßwasser (wichtig!) zusammen mit einer sehr kleinen Menge Feinwaschmittel geben und ordentlich walken. Anschließend gut mit Süßwasser spülen und vollständig trocknen. Jetzt sind alle Leinen wieder handig und weich und können über die Winterzeit trocken gelagert werden.

Auch die Lagerung von Tauwerk während der Saison an Bord sollte möglichst UV-geschützt und vor allen Dingen trocken erfolgen. Zum Beispiel in einer gut belüfteten Backskiste. Soweit es geht, keine Fallen, Schoten, Leinen oder Festmacher an der Reling hängen lassen. Sie sind dann ungeschützt und können leicht über Bord gehen.

Und nun: Leinen los! Viel Spaß beim nächsten Törn.